Beitrag des Monats September 2019

 

Alfred Bendel  * 1931

Es genügt nicht

Es genügt nicht
sich breitzumachen
Man muss sich
zugleich auch zuspitzen
verdünnen
ja spurlos verflüchtigen
Man festige sich
doch versäume man ja nicht
sich gleichzeitig zu verflüssigen
nach allen Seiten auseinanderzulaufen
oder
ein kleines Rinnsal
zu versickern

Das feinste vornehme leise Sprechen
wäre das Schweigen

(An Jean Paul)


Beitrag des Monats August 2019

 

Ernst Jandl (1925 – 2000)

der Hellseher

sage mir
wie du heisst
und ich sage dir
wer du bist

gib zu
dass du lebst
und ich werde dir
beweisen
dass es stimmt

(aus:  Ernst Jandl  – letzte Gedichte)


 

Beitrag des Monats Juli 2019

 

Andreas Münzner * 1967

Was wir sind

Wir sind der Geruch im Computersaal
die Hektik in den Strassen wir sind die
Noten im Wind und das Versagen auf
den Schnellzugstrecken wir sind ernster
als die Tiere sind im All ein kurzes
Knistern wir sind die ausgebleichten
Kreuze nach den Kriegen das Gelächter
im Bergwerk die Reime am Ende der
Zeilen sind die bunten Punkte auf dem
Ozean das Versprechen in den Pillen
wir sind die die Blumen pflücken wir
sind die unzuverlässigen Meteorologen
die Wächter der Museen der Schmerz am
Ende der Nadeln wir sind unermüdliche
Produzenten von Exkrementen der
Hochglanz auf den Fotos Beschleuniger
von Teilchen wir sind die einsamen
Gestalten auf den Bergen wir sind das
hohle Ticken an den langen Tagen die
Erfinder der Huren wir sind die Huren
selbst

(aus: Die Ordnung des Schnees)


 

Beitrag des Monats Juni 2019

 

Rose Ausländer (1901 -1988)

Pause

Die Pause braucht mich
um sich zu sammeln

Verstohlen
hol ich aus ihrer
entzündlichen Stille
den Funken


Beitrag des Monats Mai 2019

 

Fatima Moumouni   * 1992

BLAU

Wenn alles blau wär.. Hätte alles die farbe vom himmel Wie er
manchmal hell oder dunkel ist: Blumenwiesen sähen aus wie das
meer Jede blume ein fisch, jede biene ein stich Azur und könig im
abgang! Löwen, sirenen und hooligans würden gröhlen in blaulicht
Blaue euphorie,blaues taufrisch Es gäb keine schönen wände und
hässliche auch nicht und ampeln, die taugten nichts Am schönsten
wär der sonnenaufgang! Man könnte kaum erkennen dass er
eigentlich rosa ist. Aber irgendwo in den hintersten blauen zellen
unseres blauen gehirns würden wir uns daran erinnern. Denn die
sonne wär fast weiss, so hell. Und wir wüssten nicht, was weiss ist. Sie
würde wellen in den türkisenen himmel bleurieren und saphiren
wär die nacht dahinter, die da trunken sich von ihren blauen sternen
verabschiedete. Und das ganze wäre so kitschig, dass es gar nicht
anders, als in wirklichkeit rosa sein könnte!!! Manch dummer
mensch fragt sich, ob es lila gäbe – natürlich nicht! Und keiner
wüsste, was orange ist, Nur dass es hässlich wär und irgendwo im
osten. Schimmel hätte die farbe von käse, Badfliessenfugen und
yoghurt Und ein schimmel wär ein blaues pferd. Gelbfieber wäre
eine unfassbar komische krankheit. Wir hätten keine flagge nur nen
blauwal als wappen. Der regenbogen würde sich langweilen weil ihn
nie jemand fände. Bäume würden kaum wachsen, denn wer streckt
sich schon gen himmel, wenn die erde auch schon blau ist mit einem
lapislazuli-farbenen touch! Gegen eine solche welt müsste man sich
wohl wehren Und mit purpurblauem blut auf wände schreien:
FARBEN GIBT ES DOCH!!

aus: http://fatimamoumouni.com


Beitrag des Monats April 2019

 

Stefanie Grob (* 1975)

Laslos Lasso

Las los, Laslo, loss itz, las los
Los lah, Laslo, loos, Laslo lah das Lasso los
Loos, Laslo, los lah, loos itz Laslo, las itz Laslo, la das Lasso
Laslo, loss itz, las itz – hopp

Laslo, la das Lasso los
Las itz, Laslo, los la Laslo
Loss itz Laslo, las doch los

(aus: Stefanie Grob, Inslä vom Glück, edition spoken script)


Beitrag des Monats März 2019

 

Else Lasker-Schüler (1869 – 1945)

Frühling 1917

Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen,
Wir wollen wie zwei Kinder sein.
Du hüllst mich in dein Leben ein
Und lehrst mich so wie du zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb
Und Vaterwort und Frühlingsspielen,
Den Fluch, der mich durchs Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen Feind zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein
Und Liebe duftet von den Zweigen.
Du musst mir Mutter und Vater sein
Und Frühlingsspiel und Schätzelein
Und ganz mein eigen.


Beitrag des Monats Februar 2019

 

Klaus Merz (* 1945)

7. August 1969

Kurz vor Feierabend versetzt Alexander,
unser kaufmännischer Lehrling, die junge
Belegschaft in Unruhe: Es gebe kein
richtiges Leben im falschen, habe er über
Mittag in einem Nachruf gelesen. Und er
fragt grübelnd nach, ob es das „richtige“
Leben vielleicht gar nicht gebe. Da unser
Dasein schon von Grund auf „falsch“ ange-
legt sei: sodass es eigentlich nur das falsche
im falschen geben könne. Was ja dann
aber, minus mal minus ergibt plus, durch-
wegs wieder zum „richtigen“ führen müsse.
Unsere Belegschaft atmet auf, hörbar.

(aus: firma, 2019)


Beitrag des Monats Januar 2019

 

Wolfgang Kubin (* 1945)

KINDER

Der kleine Schlaf
an der kleinen Unruhe.

Nachts der Hände Weg,
die Umfassung aus Wärme
für die gelebte Kälte.

Morgens fällt der Ball
ins Erwachen.

Er trägt,
was die Hand nicht hielt,
den kleinen Besitz
in den Tag.


 

Beitrag des Monats Dezember 2018

 

Rabindranath Tagore (1861 – 1941)

Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude.
Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht.
Ich handelte, und siehe, die Pflicht war Freude.


Beitrag des Monats Oktober 2018

 

René Char (1907 – 1988)

Si nous habiton un éclair,
il est le coeur de l’éternel.

Wenn wir einen Blitz bewohnen,
ist er das Herz der Ewigkeit.

***

Le poète, conservateur des infinis visages du vivant.

Der Dichter als der die unendlichen Gesichter des Lebendigen Bewahrende.


Beitrag des Monats September 2018

 

Bertold Brecht (1898 – 1956)

Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und lässt andere kämpfen für seine Sache
Der muss sich vorsehen: denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will: denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.


Beitrag des Monats August 2018

 

Nora Gomringer (* 1980)
Jakob Lügner Toter Mann

für Jurek Becker

Ein bisschen Lügen
Ist schön
Jakob

Ein bisschen Hoffen
Ist schön
Lügner

Das Gedicht nimmt Bezug auf den 1969 veröffentlichten Roman von Jurek Becker „Jakob der Lügner“.


Beitrag des Monats Juli 2018

 

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)
Heimatlose

Ich bin fast
Gestorben vor Schreck:
In dem Haus, wo ich zu Gast
War, im Versteck,
Bewegte sich,
Regte sich
Plötzlich hinter einem Brett
In einem Kasten neben dem Klosett,
Ohne Beinchen,
Stumm, fremd und nett
Ein Meerschweinchen.
Sah mich bange an,
Sah mich lange an,
Sann wohl hin und sann her,
Wagte sich
Dann heran
und fragte mich:
„Wo ist das Meer?“

Aus: Mit Ringelnatz ans Meer


Beitrag des Monats Juni 2018

 

Etel Adnan (* 1925)
Arabische Apokalypse, Gedicht 59

im allerletzten Lauf der Sonne
wird Feuer Tiere Pflanzen und Steine verschlingen
wird Feuer Feuer verschlingen und dessen vollkommenes Rund
wenn das vollkommende Rund Feuer fängt wird kein Engel erscheinen  STOP
die Sonne wird Götter Engel und Menschen auslöschen
und sich selbst auslöschen inmitten ihrer Töchter
Geist-Materie wird NACHT werden
in der Nacht in der Nacht werden wir Erkenntnis finden Liebe und Frieden

Etel Adnan wurde 1925 als Tochter einer griechischen Christin und eines libanesischen Muslim in Beirut geboren.
Ihre ersten dichterischen Werke verfasste sie französisch, heute schreibt sie englisch.

Sie schaffte auch ein umfangreiches malerisches Werk.


 

Beitrag des Monats Mai 2018

 

Ingeborg Bachmann  (1926 – 1973)
Lieder von einer Insel, 1954

Wenn einer fortgeht, muss er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,
er muss den Tisch den er seiner Liebe
deckte, ins Meer stürzen,
er muss den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,
er muss den Fischen sein Brot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muss sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!
Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.